zondag 8 juni 2008

Gesucht: Die Petze

Porträt Heinrich Kieber

Für Bundesfinanzminister Peer Steinbrück ist er ein wertvoller Informant, der prominente Steuersünder ans Messer lieferte. Für den Staatsanwalt in Liechtenstein ist er ein Verbrecher. Fest steht: Seit Beginn der spektakulären Steuer­affäre ist Heinrich Kieber von der Bildfläche verschwunden. Wieder einmal.

Die traditionsreiche Schweizerschule in Barcelona ist für ihre Schüler ein Privileg. Die Kinder kommen zumeist aus wohlhabenden, deutschsprachigen Familien. Wer das Abitur an der Escuela Suiza de Barcelona besteht, hat Deutsch, Spanisch, Katalanisch, Französisch und Englisch gebüffelt und eine gute Portion humanistischen Drill verabreicht bekommen.

Heinrich Kieber war 16, als seine spanischstämmige Mutter Maria ihn 1981 in Barcelona einschulte, und er hatte Mühe, mitzuhalten. Bis zum Abitur brachte er es nicht. Nur sein ­Talent zur Hochstapelei bewies er bereits erfolgreich. Seinem Mitschüler Kai R., Sohn eines erfolgreichen deutschen Unternehmers, vertraute Kieber an, dass er eigentlich "Hilti" mit Familiennamen heiße. Hilti wie die liechtensteinische Dynastie, deren Bohrmaschinen auf der ganzen Welt berühmt sind. Den Namen Kieber trage er nur aus Angst vor Erpressern oder Terroristen. Tatsächlich hatte er mit den Hiltis nicht das ­Geringste zu tun. Doch fortan war Heinrich im Elternhaus des deutschen Schulkameraden ein gern gesehener Gast.

Heute ist er bei der Familie längst nicht mehr gelitten. Auch in Kiebers Heimat, dem Fürstentum Liechtenstein, ist er aufgeflogen. "Ein Spitzbub", sagen sie, das klingt niedlicher, als es gemeint ist. "Der hat das Schaffen nicht erfunden." Dem Liechtensteiner Staatsanwalt ist die Sache ernst: Kieber wird seit März mit internationalem Haftbefehl gesucht, sein Wanted-Foto steht auf der Internetfahndungsseite der Landes­polizei. Er wird verdächtigt, Tausende Kundendaten bei einer Treuhandfirma der fürstlichen LGT Bank gestohlen zu haben, einer der feinsten Adressen für die Superreichen dieser Welt. Als mutmaßlicher Informant des BND ist Kieber der Mann, der die Steueraffäre ins Rollen brachte, die am 14. Februar mit der Razzia beim damaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel begann.

Seitdem ist er verschwunden, wie schon so oft. Diesmal soll der BND Kieber beim Abtauchen geholfen haben, angeblich, um ihn als Zeugen zu schützen. Dazu verpassten ihm die ­Deutschen eine neue Existenz, eine Legende, wie die Geheimdienstler sagen. Vielleicht heißt die Petze nun Klieber, Flieber oder Scriba. Jedenfalls trägt der Mann sicherlich einen Namen, der phonetisch auch noch durchgeht, wenn er sich im alkoho­lisierten Zustand einmal verspricht. Nennen wir ihn einfach Henry, wie Heinrich sich vorstellte, als er vor vier Jahren offiziell zuletzt gesehen wurde.

Schon in der Schule stapelte er hoch und­ gab sich als Spross der Familie Hilti aus
Was treibt so einen, zu nötigen, zu verraten, sich mit mächtigen Banken, der Polizei und mit einflussreichen Steuersündern anzulegen? Geltungssucht und Gier beherrschten Kieber schon immer. Das zeigen geheime Dokumente und frühere Urteile gegen ihn. Und sie zeichnen das Bild eines freudlosen Starts in eine kriminelle Laufbahn.

Sein Vater, ein verschlossener Mann, wohnte bescheiden im liechtensteinischen Dorf Mauren und schlug sich als Fotograf für das Volksblatt durch, eine der beiden Zeitungen des Landes. Im Fürstentum galt der schlaksige, hochgewachsene Mann, der Gemeindevorsteher und Vereinspräsidenten sowie hin und wieder auch die Fürstenfamilie knipste, als tadelloser Bürger. Trotzdem war Sohn Henry familiär keineswegs gut aufgehoben. Die Ehe der Eltern war zerrüttet. Die zwei Jahre älteren Zwillingsschwestern gingen bereits ihren Weg ins selbstständige Leben. Daher schickte ihn die Mutter nach Spanien.

Henry kehrte 1983 ins Fürstentum zurück, um eine kauf­männische Lehre zu absolvieren. Es war die Zeit des Aufschwungs an dem verschwiegenen Finanzplatz. Für Bankkunden in Genf und Zürich, in Monaco und London gründeten die Vaduzer Treuhänder Briefkastenfirmen wie am Fließband, zwischen 1983 und 1988 mehr als 10.000 Gesellschaften. Doch Henry strebte nach der Lehre wieder nach draußen. Im Januar 1987 begann er bei der Swissair in Zürich in der Abteilung für Ertragssteuerung. Viereinhalb Jahre arbei­tete er daran, dass die Flugzeuge möglichst voll beladen in die Luft gingen. Es war sein bisher längster Job, aber er hatte andere Träume, wollte am liebsten selbst ein großer Pilot werden.

Henry ist groß, schlank, hat aber eine hohe eindringliche Stimme, die auf viele unangenehm wirkt. Auch bei den Frauen, heißt es in Liechtenstein, konnte er damals, als Mittzwanzigjähriger, nicht landen. 1992 reiste er nach Australien aus, war drei Jahre lang fort und kam mit Geschichten wieder, die für einen Mann ohne Abitur ziemlich anspruchsvoll klingen. An einer Technischen Universität in Sydney habe er "Aeroplanes and Helicopter Performances" studiert und in Neuseeland das Nelson Aviation College und die Air Academy Hastings besucht. Immerhin real existierende Adressen. Und er erzählte von eigenen Einsätzen als Pilot.

Im Sommer 1995 tauchte Henry dann in Barcelona auf, wo er zur Schule gegangen war. Zunächst will er auf einer Yacht gelebt haben, dann meldete er sich bei seinem Ex-Schulkameraden Kai R. und dessen Vater Helmut. Er wolle sich in Barcelona niederlassen und heiraten, er suche Arbeit und eine Wohnung. Helmut R. wollte Henry eine möblierte Stadtwohnung an der Roca y Battle verkaufen. Der Unternehmer bot ihm das Apartment mitsamt Möbeln und zwei Garagenplätzen für rund 370.000 Euro an und Henry willigte ein. Der Vertrag wurde mündlich geschlossen, nur Henry wusste, dass er das Geld gar nicht hatte.

Er protzte mit Studien im Ausland – dabei hat Kieber nicht einmal Abitur
Sein Dreh: Er übergab Helmut R. zwei Schecks, die dieser erst nach Unterzeichnung des Kaufvertrags einlösen sollte. Henry wusste, dass dies noch ein Weilchen dauern könnte, weil der Unternehmer noch den Güterstand mit seiner geschiedenen Ehefrau für das Grundbuchamt klären musste. Als sich die Schecks als nicht gedeckt entpuppten, hatte Henry die Wohnung schon an ein spanisches Ehepaar weiterverkauft und den Erlös auf einem Konto der Vorarlberger Sparkasse in Öster­reich deponiert. Helmut R. meldete den Fall der Polizei. Der einstige Freund des Hauses war in Ungnade gefallen. Nach kurzer Haft in Barcelona kam Henry frei und tauchte unter, am 20. Juni 1997 folgte ein neuer Haftbefehl gegen ihn.





Henrys Laufbahn zeigt nun wieder eine Lücke. Erst im Herbst 1999 meldete er sich beim Schweizer IT-Unternehmer Cesare Plozza, der in Vaduz Hilfskräfte für Temporärjobs suchte – für 25 Franken Stundenlohn. Plozza hatte mit rund 250 Mitarbeitern das Geschäft aufgezogen, für Banken die Altakten von Kunden zu scannen und zu digitalisieren. Denn die neuen Geldwäscheregeln erforderten von den Instituten schnellen elektronischen Zugriff auf diese Daten. Auch bei der LGT Treuhand war die IT-Firma, bei der Henry anheuerte, im Einsatz. Plozza hatte dort rund 25 Leute, die einen simplen Job erledigten: Papiere aus Ordnern nehmen, entklammern, Klebezettel entfernen, im Scanner stapeln, den Einzug überwachen und prüfen, ob alles erfasst ist. Auch Henry saß am Scanner.

Beim Blättern muss ihm aufgefallen sein, was er in den Händen hielt: geheime Dokumente über Millionen- und Milliardenvermögen von Industriekapitänen, Sportlern, Künstlern und Politikern. Wann genau er damit begonnen hat, sich an die Daten heranzumachen, ist nicht geklärt. Fest steht nur, dass dies nicht einfach war. Die Speicherzugänge an den PCs waren versperrt. Die Datenbänder lagerten in einem gesicherten Raum, kopieren von Dokumenten war unmöglich.

Im April 2001 übernahm die LGT Treuhand das Plozza-Team und führte die Archivierungsarbeit in eigener Regie fort. ­Henry war dabei, aber inzwischen plagte ihn die spanische Sache. Unternehmer Helmut R. aus Barcelona hatte beim Fürstlichen Landgericht auf Schadenersatz geklagt, im Oktober erging das Zivilgerichtsurteil. Henry musste den Kaufpreis für die Wohnung zahlen und der liechtensteinische Staatsanwalt eröff­nete ein Strafverfahren wegen Betrugs gegen ihn. Im November 2002 kam die Anklage. Daraufhin verlor Henry seinen Job bei der LGT und tauchte wieder ab.

Zuvor hatte Henry, das erklärte er später laut einem Capital vorliegenden, geheim gehaltenen Urteil des Fürstlichen Obergerichts, bei der LGT sogenannte DLT-Speicherbänder gestohlen. Darauf seien "das komplette System sowie alle Programme und Daten gespeichert" gewesen, also Informationen über Kunden, Konten, Stiftungen. Zusätzlich habe er Originalunterlagen mitgehen lassen.

Henry hat weiterhin gestanden, Anfang Januar 2003 dem Fürsten einen Brief geschickt zu haben, in dem er damit drohte, die Daten an Behörden in Deutschland und den USA weiterzugeben. Henry forderte zwei Pässe mit neuen Identitäten, einen Sonderstaatsanwalt und ein außerordentliches Richtergremium. Er sei ein Justizopfer. Der Fürst übergab den Fall dem Staatsanwalt zur Strafverfolgung.

Am 8. Januar 2003 unternahm Henry laut Gerichtsakten eine Reise nach Berlin. Das Ziel blieb unbekannt. Monate später schaffte es die LGT Bank über Kontaktpersonen, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Sie bezahlte ihm den Anwalt und ein ­Apartment in Vaduz. Er zeigte sich geständig und gab vier ­Datenträger zurück. Im Oktober 2003 verurteilte ihn das Land­gericht in einem fix durchgezogenen Prozess zu vier Jahren Gefängnis. Henry legte Berufung ein. Im Januar 2004 erlöste ihn das Urteil des Obergerichts: ein Jahr auf Bewährung.

Seitdem ist Henry verschwunden. Die Daten allerdings hatte er keineswegs alle zurückgegeben. Die Bombe platzte im ­Februar 2008, mehr als fünf Jahre nach dem Diebstahl bei der LGT. Mit der Verhaftung des prominenten LGT-Kunden Zumwinkel begann eine der größten Steuerrazzien der Bun­des­republik. Dessen Daten und die von 600 weiteren Steuerhinterziehern soll Henry dem BND für rund 4,2 Millionen Euro verkauft haben. Bundesfinanzminister Steinbrück jubelte: "Das beste Geschäft meines Lebens." Das einzige ­Problem: Nach seinem Geschäftspartner wird international gefahndet.

von Leo Müller
capital.de, 06.06.2008

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